Das Wichtigste zusammengefasst
• Veränderungsenergie entsteht aus zwei Richtungen: dem Druck, etwas nicht mehr zu wollen & der Vision von etwas Besserem.
• Sie ist begrenzt, besonders dann, wenn viele Veränderungen gleichzeitig passieren oder der Alltag ohnehin viel Kraft fordert.
• Die verfügbare Energie wird erhöht und Streuverluste verringert, sobald wir uns klar darüber sind, was wir wirklich verändern wollen
• Ein sicherer Rahmen reduziert Angst und macht es uns leichter, erste Schritte zu gehen.
• Rückschläge verbrauchen Energie, sind jedoch normal. Wichtig ist ein Umgang, der nicht entmutigt, sondern Orientierung gibt.
• Nachhaltige Veränderung braucht Pausen und bewusstes Energiemanagement, damit der Energiehaushalt nicht ins „Minus“ rutscht
Inhalt
Was ist Veränderungsenergie?
Veränderungsenergie wird oft mit Veränderungsmotivation gleichgesetzt. Dieser Auffassung stimme ich nicht ganz zu. Ich würde eher sagen, dass Veränderungsmotivation ein Teil ist, der mit der Bereitschaft zu Veränderung und der Haltung zur Veränderung ergänzt wird.
Sie ist die psychische, emotionale und kognitive Gesamtkraft, die uns mobilisiert, den aktuellen Status Quo zu verlassen und sich auf ein neues, angestrebtes Ziel oder einen neuen Zustand hinzubewegen.
Es ist die Summe aus Motivation, Klarheit, Selbstwirksamkeitserwartung und verfügbaren Ressourcen (Zeit, mentale Kapazität).
Kurz gesagt: Sie ist Kraftstoff für den Übergang von Wollen zum Tun und ermöglicht die Ausdauer für einen möglicherweise herausfordernden Weg.
Veränderungsenergie ist nichts Abstraktes. Sie zeigt sich in den kleinen Momenten, in denen wir uns entscheiden, etwas anders zu machen.
– authentic words –
Woher kommt und wie entsteht Veränderungsenergie?
Sie entsteht nicht passiv, sondern ist das Ergebnis eines Spannungsfeldes und spezifischer mentaler Prozesse. Sie kommt im Wesentlichen aus zwei Hauptquellen:
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1. Das "Weg-von"-Motiv (Druck/Leidensdruck)
Die Energie entsteht aus der Unzufriedenheit und dem Leidensdruck über den aktuellen Zustand.
Quelle: Schmerz, Frustration, Erschöpfung. Der Preis für das Beibehalten des Status Quo muss höher sein als die Anstrengung der Veränderung.
Systemische Dynamik: Der Körper oder die Psyche signalisiert einen energetischen Notstand (z.B. in Form von Stress, Burnout-Symptomen, innerer Leere oder Unzufriedenheit). Die negativen Gefühle werden in einen aktiven Impuls umgewandelt. -
2. Das "Hin-zu"-Motiv (Sog/Vision)
Aus dem Zielzustand entsteht eine Art Sog aus der Energie, Anziehungskraft und Klarheit gewonnen wird.
Quelle: Vision, Wunsch, (Vor-)Freude, Sinnhaftigkeit. Eine klare, emotional aufgeladene Vision des neuen Lebens (mehr Leichtigkeit, mehr Selbstvertrauen, passende Lebensgestaltung, neue Verhaltensweise) erzeugt einen Sog, der die Trägheit überwindet.
Klarheit und Werte: Die Energie wird besonders stark, wenn das Ziel tief in den persönlichen Werten verankert ist und als authentisch und sinnvoll empfunden wird. Die Entscheidungsfindung für ein bestimmtes Ziel und die Entscheidung es aktiv umzusetzen setzt massive Energie frei.
Die größte Ressource entsteht, wenn das Weg-von-Motiv (Druck) mit dem Hin-zu-Motiv (Sog) kombiniert wird.
Voraussetzungen für die Entstehung und den Einsatz
Ein sicherer Rahmen. Im systemischen Coaching sprechen wir von psychologischer Sicherheit. Eine Möglichkeit sich oder etwas ausprobieren zu können, ohne schlimme berufliche oder persönliche Folgen befürchten zu müssen.
Wenn eine Angst vor dem Veränderungsprozess durch (psychologische) Sicherheit verringert wird oder verschwindet kann daraus Handlungsenergie entstehen bzw. möglich gemacht werden.
Was begrenzt unseren Veränderungsvorhaben?
Stellen wir uns diese Ressource wie einen Topf oder ein Konto vor.
Nehmen wir einmal an wir befinden uns in einer Situation, in der wir uns gerade in einen neuen Job einarbeiten. Nebenbei planen wir eine Großveranstaltung. Ein Umzug steht an, wir wollen neue Essgewohnheiten etablieren, mehr Alltagsbewegung integrieren und unsere mentale Gesundheit schützen, indem wir besser für uns sorgen, öfter mal „Nein“ sagen und endlich diese 5 Bücher lesen, die seit Wochen auf unserem Tisch liegen.
All diese Veränderungen können theoretisch gleichzeitig erfolgen, wie viel Augenmerk jedoch jede einzelne dieser Veränderung bedarf und ob sie diesen Bedarf auch bekommt, hängt stark von der Verfügbarkeit der Energie ab und auch von den jeweiligen Kosten der Veränderung. Nicht alle Vorhaben benötigen gleich viel Energie. In einigen Phasen unseren Lebens passieren mehrere größere Lebensereignisse zeitgleich und erfordern ein hohes Maß an (unfreiwilliger) Energie. Es kann passieren, dass wir dann ins Dispo gehen. Dass ist eine gewisse Zeit lang möglich aber sind wir ehrlich, wie angenehm ist es wirklich ins Minus zu gehen?
„Wir können den Wind nicht ändern aber die Segel anders setzen.“
Aristoteles
Das Beispiel soll mit diesen frei gewählten großen Veränderungsthemen verdeutlichen, dass wir immer auch priorisieren und den Einsatz unserer (begrenzten) Ressourcen im Blick haben sollten. Dabei kann der Veränderungswunsch „Umzug in eine neue Stadt“ genauso viel Energie benötigen wie das „Augenmerk auf eine gesunde Ernährung“ zu legen oder „mehr Alltagsbewegung“ zu etablieren.
Um eine Balance hinzubekommen, gilt es eine Art Gegengewicht zu finden. Das mag Beständigkeit, Bewahren oder aktive (jetzt noch) Nicht-Veränderung sein.
Was macht Sie zur wichtigsten Zutat für Veränderungsprozesse?
Wir Menschen neigen dazu, Änderungen jeglicher Art zunächst einmal mit Ängsten gegenüberzustehen. Dabei werden unsere Ängste und Vorbehalte oftmals als (gute) Gründe formuliert. Neben der Angst werden möglicherweise auch noch weitere zutage tretenden Emotionen, wie beispielsweise Hilflosigkeit, Ärger oder Wut aufkommen.
Es fällt uns Menschen grundsätzlich leichter, Begeisterung für eine eine erste abstrakte Idee zu zeigen, als diese Begeisterung in Bezug auf echte Auswirkungen und konkrete Konsequenzen für das eigene Leben aufrecht zu erhalten.
Der ständigen Umgang mit Veränderungen ist allgegenwärtig und betrifft dabei nicht nur Themen der privaten Persönlichkeitsentwicklung sondern gleichermaßen berufliche Aspekte wie Change Management oder Organisationsentwicklung in Unternehmen. Demnach sind Privatpersonen, Mitarbeiter:innen und Führungskräfte gleichermaßen betroffen. Kurzum wir Menschen sind betroffen.
Was wir in Veränderungsprozessen beobachten können
Veränderungsenergie ist eine der wichtigsten Zutaten, weil sie die Brücke zwischen Ziel-Erkenntnis und der tatsächlicher Umsetzung bildet. Was können wir beobachten wenn wir Sie Ressource erkennen und bewusst einsetzen:
- Sie überwindet die Trägheit: Jedes System tendiert dazu, im Ruhezustand zu verharren (physikalisch: Trägheitsgesetz). Positive Veränderungsenergie ist die notwendige Kraft, um diese Trägheit zu brechen und die Anfangsreibung zu überwinden.
- Sie sichert die Ausdauer: Ein Veränderungsprozess ist selten linear. Die Energie liefert den Kraftstoff, um mögliche Rückschläge nicht als Scheitern, sondern als Feedback zu interpretieren und weiterzumachen. Selbstvertrauen wird nur durch diese beständige Energie in die Tat umgesetzt.
- Sie schafft Kapazität: Nur mit ausreichender Energie sind wir in der Lage, zu hinterfragen, auszuprobieren, zu lernen und daraus die Klarheit für Entscheidungen und die Gestaltung unseres Lebens zu entwickeln. Ohne diese Energie stagnieren unsere Veränderungswünsche.
- Sie ist der Maßstab für langanhaltende Ergebnisse: Eine schnelle Veränderung durch reine Willenskraft ist oft nicht nachhaltig. Echter Change integriert Selbstfürsorge und Energiemanagement und gewährleistet, dass der neue Zustand bzw. die neue Gewohnheiten oder neue Routinen langfristig gehalten werden können.
Wie viel Kraftstoff steht gerade zur Verfügung und wofür soll er verwendet werden
Veränderungsenergie entsteht wenn der Frust über den alten Job größer wird als die Angst vor dem Bewerbungsprozess. Wenn der Wunsch nach mehr Leichtigkeit im Alltag irgendwann stärker ist als die Bequemlichkeit, alles einfach beim Alten zu belassen. Wenn ein Gedanke, der lange nur im Kopf war, plötzlich so deutlich wird, dass man ihn nicht mehr wegschieben kann.
Sie wächst, wenn klarer wird, was man nicht mehr möchte und gleichzeitig eine Idee davon entsteht, wie es stattdessen sein könnte. Sie schrumpft, wenn viel gleichzeitig passiert oder wenn der Akku ohnehin schon auf Reserve läuft.
Am Ende ist Veränderungsenergie etwas, was uns in alltäglichen Situationen begegnet. In den kleinen Momenten, in denen wir uns entscheiden, etwas anders zu machen. In den Tagen, an denen wir merken, dass wir erste Schritte schaffen. Und auch an jenen, in denen wir merken, dass heute vielleicht eine Pause die bessere Wahl sein könnte.
Wie würde unser Alltag aussehen, wenn wir dieser kleinen inneren Stimme einfach einmal zuhören und ihr testweise sogar auch zustimmen würden?

