Ich finde keinen Therapieplatz – was tun? Konkrete Schritte, wenn die Suche nach einer Psychotherapie stockt

Du hast Dich auf den Weg gemacht, vielleicht musstest Du Dich dabei auch ein Stück weit überwinden. Du suchst nach Hilfe und hast Telefonate geführt. Als Antwort kam: Keine freien Plätze vorhanden, Wartelisten oder Aussagen wie „In sechs Monaten gerne nochmal anrufen“. Gleich an dieser Stelle ein Hinweis: Dass Du nicht unmittelbar einen Therapieplatz gefunden hast & Dich jetzt fragst "Kein Therapieplatz, was tun?" liegt nicht an Dir oder daran, dass es Dir nicht schlecht (genug) geht. Es liegt am System. In Deutschland warten Betroffene im Durchschnitt fünf bis sechs Monate auf einen Therapieplatz bei einem Kassentherapeuten. In ländlichen Regionen manchmal sogar noch länger. Also: Was tun wenn man keinen Therapieplatz findet? Wenn Du gerade in einer akuten Krise bist: Du musst nicht darauf warten, gehört zu werden. Die Telefonseelsorge ist kostenlos, anonym & 24 Stunden unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 erreichbar. Und wenn Du gerade (ohne akute Krise) nicht weiter weißt, ist dieser Artikel für Dich. Wir schauen uns gemeinsam an, was Du konkret tun kannst.
Kein Therapieplatz

Inhalt

Das Wichtigste zusammengefasst

  • 116 117 anrufen: Ersttermin oft in wenigen Tagen möglich
  • Psychotherapeutische Sprechstunde nutzen, als Einstieg und für das Verfahren zur Kostenerstattung
  • Hausarzt einbeziehen: Dringlichkeitscode und Bescheinigung anfordern
  • Alternativen von Hochschulambulanzen & Ausbildungsinstitute prüfen
  • Kostenerstattungsverfahren beantragen, wenn kein Kassentermin in Reichweite ist
  • Coaching als begleitende Überbrückungsmöglichkeit prüfen
  • Telefonseelsorge: 0800 111 0 111, kostenlos, rund um die Uhr

Was tun, wenn man keinen Therapieplatz bekommt? Kurzübersicht

„Ich bekomme keinen Therapieplatz“ – wenn die eigenständige Suche nach einem Therapieplatz erfolglos verläuft, können die nachfolgend genannten sieben Schritte eine Hilfestellung bieten. Im weiteren Artikelverlauf werden diese Punkte einzeln im Detail ausgeführt.
  • 1
    Die Terminservicestelle (116117) anrufen.
    Ersttermine sind oft schon innerhalb weniger Tage möglich.
  • 2
    Die telefonische psychotherapeutische Sprechstunde wahrnehmen.
    Diesen Termin (inhaltlich) als erstes Gespräch für Dich nutzen.
  • 3
    Hausarzt einbeziehen.
    Um Dringlichkeitscode sowie ärztliche Bescheinigung bitten.
  • 4
    Mindestens 10 bis 20 Praxen kontaktieren.
    Absagen schriftlich dokumentieren.
  • 5
    Angebote von Hochschulambulanzen & Ausbildungsinstituten prüfen.
    Diese können eine Alternative darstellen.
  • 6
    Kostenerstattungsverfahren bei der Krankenkasse beantragen.
    Dafür die schritftliche Dokumentation der Absagen verwenden.
  • 7
    Coaching als begleitende Unterstützung in der Wartezeit prüfen.
    So kann die Gestaltung der Zwischenzeit (aktiv) vorgenommen werden.
kein Therapieplatz gefunden
Welche andere Wege möglich sind, wenn die gewünschte Hilfe & Unterstützung nicht sofort verfügbar ist

Warum ist es so schwer, eine:n Therapeut:in zu finden?

In Deutschland fehlen Therapieplätze bei Kassentherapeuten. Die Nachfrage ist in den vergangenen Jahren aus verschiedenen Gründen wie bspw. gesellschaftliche Unsicherheiten, weltpolitische Entwicklungen sowie Folgen der Pandemie, aber auch durch ein wachsendes Bewusstsein für psychische Gesundheit, stark gestiegen. Das Angebot ist jedoch nicht in gleichem Maße vergrößert worden.

Dazu kommt: Nicht jede Therapeutin oder jeder Therapeut hat eine Kassenzulassung. Viele arbeiten ausschließlich als Privatpraxis (oder für Selbstzahler:innen). Das Abrechnen von kassenärztlichen Leistungen gegenüber der Krankenkasse ist in diesen Fällen nicht möglich. Das verringert das verfügbare Angebot.

Auch regionalbezogen unterscheidet sich die Verfügbarkeit von passenden Angeboten. In Großstädten wie Berlin oder München gibt es mehr Anbieter, aber auch mehr Menschen, die suchen. In ländlichen Gebieten kann das Angebot geringer ausfallen.

Also was tun wenn man keinen Therapieplatz findet? Das Wichtigste: Du kannst etwas tun. Es gibt mehr als einen Weg. Welche weiteren Wege das sind, schauen wir uns an.

Falls Du Dir Begleitung für diese Phase wünschst, kannst Du Dich jederzeit unverbindlich melden.

Konkrete Sofort-Maßnahmen: Was Du jetzt kurzfristig tun kannst um einen Therapieplatz zu finden

Schritt 1: Die Terminservicestelle 116 117 anrufen

Die Telefonnummer 116 117 ist ein Bereitschaftsdienst, der nicht nur für körperliche Beschwerden genutzt werden kann. Es werden auch psychiatrische und psychotherapeutische Ersttermine vermittelt. Seit 2019 besteht ein gesetzlich verankerter Anspruch auf die Vermittlung einer psychotherapeutischen Sprechstunde innerhalb von vier Wochen.

Das klingt erstmal nicht wirklich schnell. In der Realität berichten Betroffene jedoch, dass die Wartezeit auf diesen Ersttermin kürzer ist als vergleichsweise auf einen regulären Therapieplatz.

Was Du sagen kannst: „Ich suche dringend eine psychotherapeutische Sprechstunde. Können Sie mir einen Termin vermitteln?“ Die Mitarbeitenden sind geschult und werden die Suche für Dich übernehmen.

Schritt 2: Die psychotherapeutische Sprechstunde als Türöffner nutzen

Die psychotherapeutische initiale Sprechstunde stellt keinen Therapiebeginn dar. Sie ist vielmehr der erste formale Kontakt mit dem Versorgungssystem. In diesen 50 Minuten wird geschaut, ob eine Psychotherapie grundsätzlich sinnvoll ist und welche Form in Frage kommt.

Dieser Termin ist aus drei Gründen wichtig:

  • 1. Er hilft Dir, eine erste Einschätzung zu bekommen, Du kannst ihn aktiv für Dich zur Orientierung nutzen.
  • 2. Er ist der gesetzlich vorgeschriebene Einstieg in eine ambulante Psychotherapie für gesetzlich Versicherte.
  • 3. Er eröffnet Dir die Möglichkeit, das Verfahren zur Kostenerstattung zu nutzen (übernächster Abschnitt).

Schritt 3: Den Hausarzt einbeziehen

Dein:e Hausärzt:in kann in diesem Prozess ein:e potenzielle:r Verbündete:r sein. Es ist möglich, eine ärztliche Bescheinigung ausstellen zu lassen, die Deine Dringlichkeit dokumentiert. Außerdem kann ein sogenannter „Dringlichkeitscode“ vergeben werden, der bei der 116 117 zu einer priorisierten Vermittlung führt.

Sprich offen darüber, wie es Dir geht, auch wenn das vielleicht schwerfällt. Je klarer das Bild, desto besser kann die Hausärzt:in (klinisch) einschätzen, wie sie unterstützen kann.

Schritt 4: Praxen systematisch kontaktieren und Absagen dokumentieren

Dieser Teil kann mühsam sein, ist jedoch gleichzeitig der wichtigste für das Verfahren zur Kostenerstattung. Kontaktiere mindestens 10 bis 20 Kassentherapeuten in Deiner Region oder bei Flexibilität auch überregional. Die Kassenärztliche Vereinigung Deines Bundeslandes bietet eine Therapeutensuche online an, diese kann ein guter Ausgangspunkt sein. Die schriftliche Dokumentation dieser Kontaktaufnahmen brauchst Du später.

Halte dabei folgende Punkte fest:

  • Datum der Kontaktaufnahme
  • Name der Praxis
  • Art des Ergebnisses: Absage, keine Antwort oder auf Warteliste gesetzt

Schritt 5: Leistungen von Hochschul-ambulanzen & Ausbildungsinstituten in Betracht ziehen

Das sind zwei wenig bekannte Alternativen, die wertvolle Optionen bieten können.

Hochschulambulanzen: Psychologische Beratungs- & Behandlungsstellen, die an Universitäten angegliedert sind. Die Arbeit erfolgt auf Kassenbasis, die Wartezeiten sind oft kürzer als in regulären Einrichtungen, die Qualität ist hoch, da das Lehrpersonal direkt eingebunden ist.

Ausbildungsinstitute für PiA: Psychotherapeutinnen & Psychotherapeuten in Ausbildung bieten Therapien zu vergünstigten Preisen oder auf Kassenbasis an. Die Therapie wird von Therapeutinnen in Ausbildung durchgeführt, unter enger Supervisionsbegleitung mit erfahrenen Fachleuten.

Das Kostenerstattungsverfahren-ABC: Wann die Kasse auch die Kosten einer Privatpraxis übernimmt

Diese Vorgehensweise ist bisher noch wenig bekannt. Wenn Du nachweisen kannst, dass Du zeitnah keinen verfügbaren Kassentermin finden konntest, hat Deine Krankenkasse die Pflicht, die Kosten für eine Privatpraxis zu übernehmen. Dieses Kostenerstattungsverfahren ist in § 13 Abs. 3 SGB V. geregelt.

Wann hast Du Anspruch?

Dein Anspruch besteht grundsätzlich, sobald Du a) aktiv nach einem Kassentherapieplatz gesucht hast & keine zeitnahe Versorgung möglich war (Stichwort Systemversagen), b) mindestens eine (psychotherapeutische) initiale Sprechstunde wahrgenommen hast und c) den Antrag vor Therapiebeginn stellst.

Was musst Du nachweisen?

Die oben unter Schritt 4 aufgeführte Dokumentation ist hier entscheidend. Du brauchst eine Liste der kontaktierten Praxen, mit Datum & Ergebnis (a), möglichst eine ärztliche Bescheinigung oder einen Befundbericht von der Hausärzt:in sowie einen Nachweis über mindestens eine psychotherapeutische Sprechstunde (b).

Wie stellst Du den Antrag?

Den Antrag stellst Du telefonisch oder schriftlich bei der Krankenkasse. Erkläre transparent die Situation, füge Deine Dokumentation bei & bitte um Genehmigung der Kostenerstattung für eine privatärztliche Psychotherapie.

! Wichtig: Starte die Therapie erst, wenn die Krankenkasse die Genehmigung erteilt hat. Ohne Vorabgenehmigung besteht das Risiko, die entstehenden Kosten nicht erstattet zu bekommen.​

Coaching als Überbrückung in der Wartezeit oder als Ergänzung

Was tun wenn kein Therapieplatz frei ist? Therapien & Coachings sind nicht vergleichbar. Therapie behandelt psychische Erkrankungen. Coaching setzt hingegen dort an, wo jemand grundsätzlich handlungsfähig ist & sich Orientierung, Hilfestellung oder Begleitung für Veränderungen wünscht.

Coaching bietet eine Möglichkeit, die Wartezeit auf einen Therapieplatz aktiv zu gestalten. Viele Menschen sind in dieser Zeit nicht (im engeren Sinne oder klinisch) behandlungsbedürftig. Sie haben jedoch das Gefühl, festzustecken, den Überblick verloren zu haben oder dass etwas nicht in Ordnung ist.

Aber auch Menschen, die möglicherweise bereits eine ärztliche Diagnose bekommen haben, könnten ein Coaching für sich nutzen. Wenn bei Dir beispielsweise das Gefühl entsteht: „Depression, kein Therapieplatz. Wie soll ich das schaffen?“, bist Du mit dieser Erfahrung nicht allein & musst damit auch nicht allein bleiben.

Coaching kann in dieser Phase konkrete Unterstützung bieten, es kann als Ergänzung zu einer Therapie erfolgen oder als eine überbrückende Art Hilfsangebot zur Stabilisierung angesehen & ausprobiert werden.

Ein gutes Gespräch ist wie ein Spaziergang durch unser Herz     & unsere Seele.

– Angelika Emmert – 

Was Coaching in der Wartezeit leisten kann

In einem begleitenden Coaching-Prozess lassen sich Strategien entwickeln, um den gegenwärtigen Alltag in einer belastenden Phase stabiler (oder für den enttäuschenden Moment, keinen Therapieplatz bekommen zu haben) zu gestalten. Oder es kann daran gearbeitet werden, zu verstehen, welche Muster erkennbar sind und wie diese sich auswirken. Es ist auch möglich, darauf zu schauen, was im eigenen Leben gerade Energie kostet und was Energie gibt. So können konkret erste kleine Schritte für den Wartezeitraum bis zum Therapiebeginn geschaffen werden. Coaching kann außerdem einen regelmäßigen, vertrauensvollen & verlässlichen (Gesprächs-)Ort bieten, an dem zugehört wird. Auch oder vielleicht gerade dieser Aspekt kann in einer (unfreiwilligen) Wartezeit besonders wertvoll sein.

Was Coaching nicht kann

Coaching ersetzt keine Psychotherapie und eignet sich nicht für akute psychische Erkrankungen. Wer sich in einer akuten Krise befindet, sollte zuerst die genannten Notfallkontakte nutzen.

Wenn Du Dir unsicher bist, ob Coaching für Deine aktuelle Situation das Richtige ist, ist ein Gespräch oft die beste Möglichkeit für eine gemeinsame Einschätzung.

Unterstützung Helping Hands
"Helfene Hände" können manchmal ganz anders aussehen, als wir ursprünglich angenommen haben

Weitere Überbrückungsoptionen: Was noch helfen kann

Ich finde keinen Therapieplatz, was tun? Professionelle Hilfe gibt es in unterschiedlichen Optionen, viele Betroffene wünschen sich Varianten, die den Alltag erleichtern können. Vielleicht stellen die nachfolgenden Varianten eine Alternative für Dich dar:

Wenn es zur Krise wird: Sofortige Hilfe

Wenn die Situation sich zuspitzt, wenn Gedanken auftauchen, Dir selbst etwas anzutun oder wenn Du das Gefühl hast, nicht mehr sicher zu sein:

Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 (kostenlos, 24/7)
Telefonseelsorge: 0800 111 0 222 (kostenlos, 24/7)
Psychiatrische Notaufnahme: das Krankenhauses in Deiner Nähe, dorthin kannst Du auch ohne Überweisung kommen.
Notruf: 112

Du musst nichts alleine durchstehen & auch nicht erst „schlimm genug dran sein“. Du darfst Dir Hilfe holen.

Fazit: Schritt für Schritt, auch wenn es sich gerade schwer anfühlt

Es stimmt, die Aussage „ich bekomme keinen Therapieplatz“ kann für sich genommen ermüdend wirken. Es kostet Kraft, die vielleicht eigentlich gerade nicht da ist. Und es stimmt auch, dass es mehr Wege gibt, als auf den ersten Blick sichtbar. Fang mit dem an, was heute möglich ist. Vielleicht ist das nur ein Anruf. Vielleicht ist es die Dokumentation der Suche. Vielleicht ist es das erste Gespräch mit dem Hausarzt, das Kennenlernen eines Coaches oder der Kontakt zu einer Hochschulambulanz. Kleine Schritte sind genau das Richtige, wenn die Energie knapp ist.
Es muss nicht erst etwas schlimm(er)es passieren. Du darfst Dir Hilfe suchen, jetzt, heute. Wir können Dir in einem unverbindliches Gespräch Orientierung geben & darauf schauen, was Dir gerade guttun könnte.
Picture of Mareike Thoben

Mareike Thoben

Mareike ist ausgebildete systemische Coach und Gründerin von Authentic Words. Mit einem feinen Gespür für Menschen und einem tiefen Verständnis für persönliche Prozesse begleitet sie Menschen auf dem Weg zu mehr Klarheit, Selbstvertrauen und innerer Balance. Ihr Coaching-Stil ist achtsam, respektvoll und authentisch – immer mit dem Ziel, individuelle Stärken sichtbar zu machen und neue Perspektiven zu eröffnen.

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